Sektion Private Dienstleistungen
Arbeiterkammer
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| Freitag, den 12. März 2010 um 00:00 Uhr |
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Kern, derzeit Vorstand im Verbund, weiß, was er will. Einige Wochen hat er überlegt, ob er einen der wohl schwierigsten Jobs der Republik übernimmt. Zu oft haben in den vergangenen Jahren die Chefs der Bahn gewechselt und viele Prügel vonseiten der Politik und der Kunden bezogen. „Der Verbund ist das wertvollste Asset der Republik, die ÖBB gleichen mehr einem Fass ohne Boden. Das ist wie Tag und Nacht“, sagt Martin Bartenstein, langjähriger Wirtschaftsminister und damit Eigentümervertreter des Stromkonzerns. „Die ÖBB-Spitze ist bisher nicht immer sehr glücklich ausgesucht worden“, meint Kern. Nun habe er den Eindruck gewonnen, dass breite Einsicht herrscht, etwas verändern zu wollen. „Das geht von Betriebsräten über Eigentümervertreter bis hin zum Aufsichtsrat.“ Und Kern will der Motor dieser Veränderungen sein. Mit seinen Vorgängern ist Kern in der Tat nicht vergleichbar. Bislang gab es noch keinen ÖBB-Chef, der alleinerziehender Vater war und ein Publizistikstudium mit einer Diplomarbeit über „Media Monitoring“ abgeschlossen hat. Einer, der selbst seine Manschettenknöpfe mit Bedacht aussucht. Beim FORMAT-Treffen trug er welche des britischen Designers Paul Smith aus Emaille mit kleinen Fußballern als Motiv. Kern würde auch glatt als Boss-Model durchgehen. Und doch zweifelt keiner der Bahn-Aufsichtsräte an dem smarten und kultivierten Manager, der in Wien-Simmering in einfachen Verhältnissen aufwuchs und sich früh politisch engagierte. Sein Einsatz für die Politik begann als Klassen- und Schulsprecher der Gottschalkgasse, eines Gymnasiums, das bislang Exkanzler Viktor Klima und Ex-bundespräsident Thomas Klestil zu den prominentesten Absolventen zählt. Später war Kern in der sozialistischen Studentenvertretung VSStÖ aktiv, dort wurde er Chefredakteur der „Rotpress“. Er besuchte Vorlesungen in Publizistik, Volkswirtschaft und Soziologie. „Karrierebewusst, mit Kind und cool“. „Mich hat es sehr beeindruckt, wie Kern, der jung Vater wurde, sich allein um seinen Sohn gekümmert hat und sehr diszipliniert und cool dabei war“, sagt Christian Pöttler, Chef des Wiener Echo Medienverlags. „Er ist sehr zielstrebig und karrierebewusst und würde doch nie für eine Karriere alles opfern.“ Mittlerweile ist Sohn Nikolaus 22, und Kern hat drei weitere Kinder: zwei Buben im Alter von elf und zwölf Jahren und eine Tochter, die im Juni drei wird. Warum er in Kommunikationswissenschaft seinen Magister gemacht hat, begründet Kern pragmatisch: „Ich habe mir neben dem Sohn und der Arbeit etwas gesucht, das ich nebenher abschließen konnte.“ Kurz liebäugelte der begeisterte Radfahrer und Läufer mit einer Karriere in der Sportredaktion der „Arbeiter-Zeitung“, fing aber dann auf Rat eines Vertrauten bei einem Wirtschaftspressedienst und dem Magazin „Option“ an. Nach zwei Jahren als Journalist wechselte er die Seiten und wurde von 1991 bis 1997 Sprecher von SPÖ-Beamtenstaatssekretär und SPÖ-Klubobmann Peter Kostelka. „Er war einer der besten Sprecher, die ich hatte“, sagt Kostelka, der mittlerweile Volksanwalt ist. „Extrem serviceorientiert, analytisch, ruhig, überlegt und fachlich versiert. Das Schwadronieren war seine Sache nicht.“ Auch mit dem Koalitionspartner hatte Kern keine Probleme. „Zwischen uns gab es Handschlagqualität und nie eine Differenz“, sagt Karl Brinek, zu dieser Zeit Sprecher von ÖVP-Klubchef Andreas Khol. Kern wurde damals übrigens zum besten Pressesprecher des Landes gewählt, Brinek stand an zweiter Stelle. 1997 begann Kern als „kleiner Assistent“ im Verbund und arbeitete sich nach oben. Peter Koren, heute Vizegeneralsekretär der Industriellenvereinigung, beeindruckt, wie Kern vermeintliche Gegner an Bord holte. „Er hat einen sehr pragmatischen Zugang zu Umweltgruppierungen und hat früh versucht, sie mit Kooperationen einzubinden. Als wir beim Bau der 380-kV-Leitung in der Steiermark Probleme hatten, haben seine Kontakte sehr geholfen.“ Konsensorientiert wird Kern wohl auch als ÖBB-Chef bleiben. Er ist stolz, im Verbund persönliche Freundschaft mit dem Betriebsrat geschlossen zu haben, und hält Eisenbahnergewerkschafter Wilhelm Haberzettl für eine beeindruckende Persönlichkeit. „Er ist das Paradebeispiel eines erfolgreichen Gewerkschafters. Er wird zu Unrecht als Gottseibeiuns beschrieben.“ Allerdings soll trotz des Kuschelns saniert werden, wie auch im Verbund. Dort wurde ohne gröbere Wickel die Zahl der Mitarbeiter um mehrere Tausend Köpfe reduziert. „Kern war immer auch sehr vom Rechenstift bestimmt“, meint Koren. Dass der Wiener bei einem Bahn-Sparkurs von den Genossen nicht im Regen stehen gelassen wird, dafür soll sein großes Netzwerk sorgen – und die Einsicht der SPÖ, dass talentierte Manager mit rotem Parteibuch in Österreich heute schwerer zu finden sind als die berühmte Nadel im Heuhafen. Man dürfe Kern aber keinesfalls nur auf die Polit-Schiene reduzieren, warnt sein Freund Andreas Rudas, Vorstand der RTL Group. „Er ist einer der modernsten Manager Österreichs, einer, der hart arbeitet und rasch entscheidet.“ Verbund und Fußball. „Ich bin keine Erfindung der SPÖ, der erste Kontakt mit Aufsichtsrat Horst Pöchhacker kam über einen Headhunter zustande“, sagt Kern. Allerdings sei klar, dass man das Vertrauen der Eigentümer brauche. Und das hat er: Verkehrsministerin Doris Bures kennt ihn seit 1991. Sie lobt seinen bisherigen Werdegang und meint: „Der Verbund hatte mit der Deregulierung der Strommärkte ähnliche Herausforderungen zu meistern, wie sie heute vor den ÖBB liegen.“ Innerhalb des Energiekonzerns wird Kern durchaus kritischer gesehen. Nicht überall, wo der Verbund im Ausland interessiert war, kam das Unternehmen zum Zug. Dennoch streut ihm sein Chef Wolfgang Anzengruber zum Abschied Rosen. „Er ist ein hervorragender Manager. Er trug maßgeblich dazu bei, dass sich der Verbund von einem rein österreichischen Unternehmen zu einem Konzern von internationalem Format wandelte.“ Internationales Format habe Kern auch am Fußballplatz, meint Christian Pöttler. Denn er sei als Fan ebenso engagiert wie der britische Autor Nick Hornby. Allerdings trage Kern es mit Fassung, wenn seine Austria verliert. „Er schimpft nicht auf den Trainer, sondern analysiert die Probleme. Er ist ein sehr konstruktiver Mensch mit einem positiven Zugang“, so Rudas. „Ich bin ein konsequenter Mensch und hab Haltungen und Werte“, meint Kern. Er schließt aber aus, dass die ÖBB künftig Sponsor der Violetten werden. Kunden im Fokus. Dass er für die Spitze des Verkehrsbetriebs bestimmt wurde, zeige, dass man keinen „bequemen Weg“ beschreiten wolle, meint Kern. Seine Pläne für die ÖBB will er noch nicht öffentlich machen, zuerst will er sich weiter einarbeiten. „Das Maß aller Dinge werden künftig die Kunden sein“, verspricht er. „Jetzt muss einmal eine Phase des Zuhörens kommen, denn in der Bahn gibt es viele exzellente Leute, die sträflich unterschätzt werden. Wichtig ist, dem Team eine Führung und Richtung zu geben.“ Für Kern zahlt sich der Jobwechsel am Konto nicht aus. Beim Verbund verdient er knapp 585.700 Euro, bei den ÖBB werden es etwas weniger sein (aber mehr als das Gehalt seines Vorgängers Peter Klugar). „Dass er es sich finanziell nicht verbessert, ist ein gutes Signal für die ÖBB“, meint Karl Krammer, der frühere Vranitzky-Kabinettschef und jetzige Consulter. Kerns erster Arbeitstag bei der Bahn wird der 7. Juni sein. „Ich habe davor noch Termine für den Verbund zu erledigen und will eine reibungslose Übergabe.“ Der Kontakt zur Eisenbahnwelt hielt sich bislang in Grenzen: Sein Schwiegervater arbeitete bei der Bahn, oft spielt er mit seiner zweijährigen Tochter mit dem Holzzug, im Juni war er beim Kanzlerfest in den ÖBB-Werkstätten, und unlängst ist er mit dem Railjet – ohne Verspätung – nach Salzburg gefahren. Er hat den guten Service genossen, sagt er. Als Business-Class-Sozialist will er aber dennoch auf keinen Fall bezeichnet werden. Dass er es als ÖBB-Chef künftig weniger gemütlich hat als im Railjet, auch darüber macht er sich keine Illusionen. Freund Pöttler hat ihm schon einen Spruch mit auf den Weg gegeben: „If you can’t stand the speed, get out of the train.“ Vorerst einmal ist die Bahn-Reise auf fünf Jahre angelegt. Aber das war sie bei den meisten seiner Vorgänger auch.
ÖBB - Zahlen – Daten – Fakten
Personal Verspätungen Infrastruktur Verdienst der Vorstände in der ÖBB-Holding (Durchschnitt 2008): 502.700 Euro Zuschuss des Staates - ÖVP-Sicht 6,5 Mrd. Euro Zuschuss des Staates - SPÖ-Sicht
Das Netzwerk des neuen Bahn-Generals Vorbilder Freunde, Vertraute, Förderer Formatiert Je größer das Loch, desto höher der Druck auf Reformen. Oder auch nicht! Wien liegt 1.830 Kilometer von Athen entfernt und 1.125 Kilometer von Kopenhagen. Ähnlich stellt sich das Verhältnis dar, wie weit Österreich vom griechischen Chaos weg ist – und vom Reformwillen der Skandinavier, für den Dänemark beispielhaft steht. Die geografische Lage wird unverändert bleiben. Politisch läuft Österreich Gefahr, in den kommenden Jahren näher an Griechenland zu rücken und sich von Dänemark zu entfernen. Dort wurde zum Beispiel im Zuge einer großen Kommunalreform – schon der zweiten nach 1970 – die Zahl der Kommunen durch Zusammen- legung Anfang 2007 einfach auf 98 redzuziert: mit dem Effekt einer deutlichen Verringerung der Verwaltungskosten und einer Steigerung der Effizienz. Gleichzeitig hat man die Sozialleistungen aufs notwendige Maß zurechtgestutzt. Hierzulande traut sich die Regierung nicht einmal, einen Sanierungsplan für den Staatshaushalt vor der Präsentation mit den Landeshauptleuten zu besprechen – aus Angst, dass dann nichts mehr übrig bliebe. Und auch so ist das vorgelegte Maßnahmenpaket noch von bescheidenem Offensivgeist getragen. „Steuern erhöhen kann jeder“ – Finanzminister Josef Pröll hat es in einem FORMAT-Interview erst kürzlich selbst auf den Punkt gebracht. Aber nur zwei Wochen später haben er und Kanzler Werner Faymann die Erhöhung der Steuerlast angekündigt. Das kann wirklich jeder. Der Punkt ist nicht, dass die Anhebung der Mineralöl- oder der Stiftungssteuer den Wirtschaftsstandort lahmlegt. Natürlich kann man daran derzeit nicht vorbei. Ein Ärgernis ist, dass die Bevölkerung wieder einmal monatelang für dumm verkauft wurde, indem der geplante Zugriff des Fiskus – den jeder kommen sah – in Abrede gestellt wurde. Und noch ärgerlicher ist, dass das ganze sogenannte Sparpaket wieder nur an der Oberfläche kratzt. Ja, es ist abgedroschen und nahezu lächerlich, ewig die fehlenden Strukturreformen zu beklagen. Aber was sonst bleibt übrig? Josef Pröll hat immerhin durchgesetzt, den Ministerien strikte Sparziele in Höhe von 1,7 Milliarden Euro vorzuschreiben. Aber auch ein überschuldetes Unternehmen kann sich nicht sanieren, nur weil alle Abteilungen in einem Jahr drei Prozent ihres Aufwandes einsparen müssen. Das verschafft vielleicht kurze Zeit Luft. Parallel müssen die Strukturen beseitigt werden, wo das Geld rausrinnt, sonst bleibt irgendwann nur noch die Insolvenz (vergleiche Griechenland). Das Argument der größten Wirtschaftskrise nach dem 2. Weltkrieg hat die Staatsausgaben ganz real nach oben getrieben. Das Argument, dass deswegen jetzt die größte Chance seit dem 2. Weltkrieg für Strukturveränderungen besteht, bemüht die Poli- tik nur verbal. Wir werden mit etwas weniger Sozialstaat auskom- men müssen, das ist die Wahrheit. Wo ist die Analyse, welche Sozialleistungen wie stark gekürzt werden können? Wo bleibt das Ende der teuren Hacklerregelung, von der Zehntausende profitieren, die nie eine Schaufel in der Hand gehabt haben? Was ist mit einer wirksamen Anhebung des Pensionsantrittsalters? Wann wird die Zahl der Krankenhäuser und der Krankenhausbetten verringert, obwohl sich Regionalpolitiker aufregen? Für viele Maßnahmen liegen die Berechnungen der Experten auf dem Tisch. Es geht um gut und gerne zehn Milliarden Euro. Noch heiklere Maßnahmen werden nicht einmal angesprochen, vor allem alles, was den Föderalismus betrifft. Aber was – außer weniger Jobs für Funktionäre – spricht eigentlich dagegen, Gemeinden zusammenzulegen? Oder wer braucht Bezirkshauptmannschaften? Das Land hätte jetzt eine Politik ohne Rücksicht auf Verluste nötig – ohne Rücksicht auf mögliche Verluste an Wählerstimmen, wohlgemerkt. Und so groß wäre das Risiko für die Regierung gar nicht. Wenn statt der Herumdruckserei den Bürgern ein radikaler, aber durchdachter und gut kommunizierter Sanierungsplan vorgelegt würde, liefe nicht gleich halb Österreich zu H.-C. Strache und Barbara Rosenkranz über; gewänne die FPÖ bei den nächsten Wahlen auch nicht mehr, als sie das leider sowieso tun wird. Eher im Gegenteil. Auch die ÖBB sind so ein Fall der ewig gleichen Leier. Zwar wird alle zwei Jahre der Topmanager ausgewechselt. Gerade diese Woche war es wieder so weit. Aber sonst? Es fließen weiter hurtig die Milliarden ins System Bahn, ohne dass es eine politisch durchsetzbare Idee gäbe, wie dem Unternehmen trotz großteils beamteter Mitarbeiter Flexibilität bei der Anpassung der Personalkosten verschafft werden kann. Einmal zwischendurch eine Nulllohnrunde als kleiner Beitrag für Unkündbarkeit und unvergleichliche Pensionsprivilegien wäre doch ein Ansatz – um gleich mit einem Vorschlag zu beginnen, der für die Verantwortlichen ganz und gar undenkbar ist. Das gilt auch für eine Trennung in Infrastruktur, die beim Staat bleibt, und in Bahnbetrieb, der zumindest teilprivatisiert wird. Dazu gehörten Mut und Durchsetzungskraft. Steuern erhöhen kann hingegen jeder, wie der Finanzminister richtig sagte. Quelle: Format |

Frische Energie für die Bahn.