"Blinde Liberalisierungswut dominiert"
Haberzettl kritisiert EU-Verkehrspolitik: "Blinde Liberalisierungswut dominiert" Umdenken bei EU-Nahverkehrsverordnung und "Drittem Eisenbahnpaket" notwendig - Sicherheit der Passagiere und Beschäftigten muss gewahrt sein.
Wien (vida/ÖGB) - Die jüngsten Entwicklungen in
der EU-Verkehrspolitik, insbesondere die laufenden Verhandlungen zur
EU-Nahverkehrsverordnung und zum so genannten "Dritten Eisenbahnpaket",
kritisierte Wilhelm Haberzettl, Vorsitzender der Sektion Verkehr in der
Gewerkschaft vida, am Donnerstag in Wien. "Die vorherrschende blinde
Liberalisierungswut ist unerträglich", sagte Haberzettl. Es müsse gerade bei der
EU-Nahverkehrsverordnung - "Public Service Obligations" (PSO) - rasch ein
Umdenken geben. Die Wahlfreiheit der Kommunen, ob sie Verkehrsdienste
Ausschreiben oder direkt an ein in ihrem Besitz stehendes Unternehmen vergeben
wollen, müsse erhalten bleiben. "Ein Zwang zur Ausschreibung gefährdet die
österreichischen Verkehrsverbünde und bringt Nachteile für die Fahrgäste", sagte
der Präsident der Europäischen Transportarbeiter Föderation (ETF). Einheitliche
Verbundpreise und -tickets sowie aufeinander abgestimmte Umsteigemöglichkeiten
wären dann nicht mehr selbstverständlich.++++
Im Unterschied zum EU-Rat, der sich für die weitgehende kommunale Wahlfreiheit,
ob ein öffentlicher Verkehrsdienst ausgeschrieben oder direkt vergeben wird,
ausgesprochen habe, habe das EU-Parlament im Verkehrsausschuss aber die
verpflichtende Ausschreibung von allen Aufträgen im Bahnverkehr und starke
Einschränkungen für kommunale Unternehmen erlassen, erörterte Haberzettl. "Es
darf keinen faulen Kompromiss auf Kosten von Österreichs Gemeinden, Fahrgästen
und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Verkehr geben. Der Rat darf in dieser
Sache nicht nachgeben", betonte der ETF-Präsident seine Forderungen. Rat und
Parlament halten an jedem Donnerstag bis zum 10. Mai 2007 einen so genannten
"informellen Trialog" in Brüssel ab, um zur PSO-Verordnung noch einen Kompromiss
zu finden. Am 10. Mai soll dann im Plenum des EU-Parlaments darüber abgestimmt
werden.
Grüne im EU-Parlament für Ausschreibungszwang aller Bahnleistungen
Auf Unverständnis stößt bei Haberzettl in dieser Angelegenheit auch das
Stimmverhalten der Grünen im EU-Parlament: "Sonst sind die Grünen immer starke
Partner bei der Förderung des öffentlichen Verkehrs. Aber hier liegen sie
eindeutig daneben, weil sie den Ausschreibungszwang aller Bahnleistungen
unterstützt und gemeinsam mit den Konservativen und Liberalen, die sich klar
gegen die erfolgreichen österreichischen Verbundmodelle stellen, abgestimmt
haben", kritisierte der ETF-Präsident.
Verpflichtende Ausbildungsstandards für Zugpersonal gefordert
Im Vermittlungsverfahren zum "Dritten Eisenbahnpaket" müsse insbesondere die
Sicherheit der Passagiere gewahrt werden, forderte Haberzettl weiter: "Die
zukünftigen Eisenbahnrichtlinien müssen unbedingt auch verpflichtende gemeinsame
Standards zur Ausbildung des Zugpersonals enthalten." Mehrere Mitgliedsländer im
Rat würden sich nur für eine europaweite Zertifizierung der LokführerInnen
aussprechen. "Gerade in Österreich, wo EU-weit am meisten Bahn gefahren wird,
ist den Fahrgästen bewusst, dass ihre Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter auch
für ihre Sicherheit verantwortlich sind", fordert der ETF Präsident auch eine
Zertifizierung der ZugbegleiterInnen. Es werde nun am Geschick der deutschen
EU-Präsidentschaft und auch des österreichischen Verkehrsministers liegen, ob
doch noch eine Mehrheit für den Kommissionsvorschlag und die Position des
EU-Parlaments in dieser Sache gefunden werden kann, schloss Haberzettl: "Auf
Kosten der Sicherheit und der Ausbildung der Beschäftigten darf es jedenfalls
keinen faulen politischen Kompromiss geben."
ÖGB, 19. April 2007 Nr. 253
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